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17 Fragen an… Bernd Weiß von der Zahlen|Gesellschaft

16. Oktober 2008 Einsortiert in Cafegespräche

Er gehört zu einer bislang erstaunlich raren Spezies: den bloggenden Soziologen. Klar, da gibt es Tina Guenther mit ihrem „sozlog“ oder auch den Blog „homo sociologicus„, aber mehr als eine Handvoll dezidiert sozialwissenschaftlich ausgerichteter Blogs dürfte man derzeit kaum finden.

Bei Bernd Weiß und seiner Zahlen|Gesellschaft kann man sich allerdings abschauen, wie es geht. Der Soziologe aus Köln, der ein Faible für Zahlen, ihre Analyse und raffinierte statistische Experimente hat, zeigt in seinem Weblog mustergültig, wie ein Wissenschaftsblog für kleine fachliche Fingerübungen genutzt werden kann und dabei auch dem interdisziplinären Austausch dient. Denn auch Medienpädagogen oder Naturwissenschaftler lesen bei Bernd mit – bevor sich aber alle drüben in der Zahlen|Gesellschaft umsehen, gibt es hier noch ein kleines Interview:

Bernd WeissDr. Bernd Weiß
Soziologe
Uni Köln / Forschungsinstitut für Soziologie  

Zahlen|Gesellschaft

Bloggt seit: Juni 2007
Blogposts seitdem: 84
Wissenschafts-Café-Profil: hier

1. Worüber hast Du zuletzt gebloggt?

Das war eine Kurzanalyse mit den Daten der „Wie-ich-blogge?!“-Studie von Jan Schmidt, die sich mit der Wahrnehmung von Glaubwürdigkeit von Blogs in verschiedenen Nutzer-/Motivgruppen befasst hat. Davor habe ich in einem eigentlich als Kommentar gedachten Beitrag die „ARD/ZDF-Online-Studie 2008 kurz angewärmt“.

Und davor habe ich auf eine Veröffentlichung hingewiesen, die demnächst in der Zeitschrift „Sozaler Forschritt“ erscheint und sich mit Potentialen und Problemen von Meta-Analysen in der Soziologie befasst.

2. Wie erklärst Du beim Party-Smalltalk, womit Du Dich wissenschaftlich beschäftigst?

Ich möchte menschliches (soziales) Handeln verstehen/erklären.

Ich möchte menschliches (soziales) Handeln verstehen/erklären. Da ich mich der angewandten Soziologie zurechne, kann ich mit konkreten Beispielen aufwarten. So war ich an einem Forschungsprojekt zum Schulabsentismus (in der unentschuldigten Form auch als „Schulschwänzen“ bekannt) beteiligt und wir haben uns etwa mit der Frage befasst, welche Jugendlichen sind besonders anfällig, die Schule zu schwänzen und welche Rolle spielen dabei die Familie, die Schule und die gleichaltrigen Freunde.

Ein weiteres Forschungsprojekt hat sich Paarkonflikten, Kommunikation und der Stabilität von Partnerschaften gewidmet. Im Rahmen des Projektes hat uns unter anderem interessiert, wie häufig, worüber und warum sich die Paare streiten. Spannend ist es auch, sich mit den (nicht per se negativen) Folgen von Konflikten auf die Partnerschaftsqualität und -stabilität zu befassen.

Dass ich darüber hinaus noch ein ausgeprägtes Interessen an Forschungs- und (statistischen) Analysemethoden habe, verschweige ich meistens. Meine Dissertation etwa befasst sich vor allem mit methodischen Problemen der Anwendung von Meta-Analysen in der Soziologie. Im Kern geht es um die Frage, welche Erkenntnisse lassen sich aus der bislang geleisteten Forschung in Hinblick auf eine bestimmte Fragestellung ableiten. Was ist der Stand der (empirischen) Forschung in Hinblick auf eine bestimmte Forschungsfrage.

Ein einfaches Beispiel für eine solche Forschungsfrage: Schwänzen Jugendliche mit einem Migrationshintergrund häufiger die Schule? Untersuchung A bekommt heraus, dass solche Jugendliche häufiger schwänzen, Untersuchung B zeigt, dass es keine Unterschiede gibt und Untersuchung C findet klare Belege dafür, dass vor allem deutsche Jugendliche überdurchschnittlich häufig in der Schule fehlen. Ich habe mit statistischen Methoden versucht, das Ausmaß der Unterschiedlichkeit dieser Forschungsbefunde zu beschreiben und gegebenenfalls Erklärungen für diese Diskrepanzen zu finden.

3. Hast Du schon einmal daran gedacht, die Wissenschaft an den Nagel zu hängen?

Eher halbherzig, wenngleich es (meinem Ego zum Wohlgefallen) schon Versuche gab, mich abzuwerben.

4. Und womit ließe sich stattdessen die Zeit vertreiben?

Unverhofft eine gewisse Menge Geld erlangen und wieder mit dem Laufen anfangen, die Bibliothek von Babel durchlesen, den langwierigen Versuch starten, irgendwann mal (nicht vor 2011) meine erste 8- zu erklimmen, nach Neuengland reisen und Australien wieder bereisen. Nach Gelsenkirchen-Buer fahren, um dort in einem etwas obskuren Kino seltsame Filme anzugucken. Mein erstes Studium (Geophysik) zu einem glücklichen Ende bringen.

5. Das nervigste Detail am wissenschaftlichen Betrieb?

Die befristeten Arbeitsverträge an der Uni sind nervig.

Das sind zum einen sicherlich befristete Arbeitsverträge. Zum anderen finde ich — wenngleich es gerade besser wird — das gesamte System der Lehre ziemlich merkwürdig. Ich bin in didaktischer Hinsicht ein ziemlicher Amateur und trotzdem wird angenommen (oder mir zugemutet), ich könnte meinen Beitrag leisten, die akademische Elite heranzuziehen. Selbstverständlich könnte ich (teilweise auf eigene Kosten) Rhetorikkurse besuchen und mich didaktisch fortbilden, doch dazu fehlen die Anreize. Relevant für mein berufliches Fortkommend sind vor allem viele Publikationen und Vorträge auf angesehenen Kongressen. Gute Lehrveranstaltungen gehören (noch?) nicht dazu.

6. Wie erklärt man in drei Sätzen, weshalb Wissenschaft dennoch faszinierend ist?

Wohlklingende Antworten darauf haben etwa Lars Fischer („saurer Schweiß“), Martin Booker („hinter die Fassaden schauen“), Ali Arbia („‚Verstehen’ zum Beruf machen“) oder Tina Günther („Entdecken“) gegeben. In all diesen Antworten kann ich mich wiederfinden. Ergänzen würde ich noch, dass ein gewisser „Spieltrieb“ dazu gehört. Ich kann mit Zahlen, Perspektiven, Erklärungen oder auch Analyseverfahren „herumspielen“ und untersuchen, ob sich etwas Neues zeigt, ob sich tatsächlich diese oder jene Erklärung bewahrheitet oder ob wir alle falsch gelegen haben.

7. Die beste Antwort auf die Frage, was man unter „Web 2.0“ und/oder der „Blogosphäre“ versteht?

Die Blogosphäre ist Teil des Web 2.0. Beiden Begriffen ist gemein, dass sie das Soziale/Relationale/Dialogische betonen. Im Fall des wissenschaftsbezogenen Bloggens wird ein (soziales) Phänomen beschrieben, dass sich durch die Koinzidenz von technischen Mitteln und einer bestimmten Geisteshaltung Wissenschaft gegenüber auszeichnet. In technischer Hinsicht lässt sich ein Versionssprung von 1.0 auf 2.0 sicherlich nicht rechtfertigen.

8. Auf welche Weise bist Du zum Bloggen verführt worden?

Das merkwürdige ist, dass ich mich nicht mehr so genau daran erinnern kann. Früheste Erinnerungen reichen auf jeden Fall zu Andrew Gelmans Blog Statistical Modeling, Causal Inference, and Social Science sowie dem Social Science Statistics Blog zurück. Ich bin auch sehr früh schon auf Tina Günthers sozlog gelandet, war sehr beeindruckt, und an Strenge Jacke kann ich mich auch noch erinnern. Die ansprechende Qualität dieser Blogs in Kombination mit dem bereits oben erwähnten Spieltrieb und einer Technikaffinität hat letztlich zur Zahlen|Gesellschaft (zuvor Quanti|Soz|Blog) geführt.

9. Mehr als Kopfschütteln geerntet als Du Kollegen von Deinem Blog erzählt hast?

Bisher wissen das gar nicht so viele, denke ich. Diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die es wissen, haben mir bislang noch nicht ihr Missfallen bekundet.

10. Ein unschlagbares Argument für einen wissenschaftlichen Blog?

Für mich ist die Zahlen|Gesellschaft ein Experimentierfeld.

Es ist — gleich in welcher Form — nie verkehrt, seine Arbeit einer größeren (Fach-)Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Aspekt des Beziehungs- und Wissensmanagements spielt sicherlich eine Rolle. Ich finde weiterhin angenehm, dass Blogs eine Mittlerrolle zwischen der kruden Idee und der (idealiter) perfekten Veröffentlichung einnehmen (können); für ungeduldige Menschen kann das ganz angenehm sein. Für mich ist die Zahlen|Gesellschaft ein Experimentierfeld und ich muss eben nicht immer wissenschaftlichen Standards genügen wie sie üblicherweise und zurecht in Fachpublikationen gefordert werden.

11. Und das beste Argument dagegen?

Ich hätte meine Ressourcen (Zeit, Humankapital etc.) besser in „richtige“, karrierefördernde Projekte investieren sollen.

12. Interessanteste Begebenheit im Zusammenhang mit Bloggen?

Ich kann bislang noch von keiner interessanten Begebenheit berichten. Ich bin aber bereit, wenn es soweit sein sollte.

13. Sind Kommentatoren in Blogs nicht eigentlich störend?

Es gibt auch Beispiele dafür, dass es gerade die Kommentatoren mit ihrer dialogischen Unfähigkeit sind, die das Wesen von Blogs in ihren Grundfesten erschüttern.

Blogs sind etwas genuin Interaktives und insofern rüttelt diese Frage an den Grundfesten von Blogs und die Antwort muss (eigentlich) immer „Nein!“ lauten. Kommentatoren und Kommentatorinnen sind also etwas Fantastisches und jeder Kommentar erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und Freude — was aber auch daran liegen mag, dass es sich in meinem Fall um ein knappes Gut handelt, was wiederum den Wert steigert.
Blogs wie etwa der von Stefan Niggemeier oder die Debatte um die Inbetriebnahme des LHC auf den ScienceBlogs (Astrodicticum Simplex) sind dagegen Beispiele dafür, dass es gerade die Kommentatoren mit ihrer dialogischen Unfähigkeit sind, die das Wesen von Blogs in ihren Grundfesten erschüttern.

14. Bei welcher Gelegenheit, an welchem Ort fallen einem die besten (Blog-)Geschichten ein?

Wenn überhaupt, dann sind es ja Sach-Geschichten, die ich verfasse. Die meisten Ideen entstehen am Schreibtisch, ob das auch die besten sind, vermag ich nicht einzuschätzen.

15. Haben Blogs Suchtpotenzial, und wenn ja, was kann man dagegen tun?

Vielleicht insoweit, als dass die Reaktionen auf Beiträge sehr schnell erfolgen können und man sehr schnell (manchmal auch kritische) Anerkennung und Bestätigung erhält. Im wissenschaftlichen Betrieb dagegen mahlen die Mühlen sehr langsam und zwischen dem Einreichen eines Fachartikels und dem Erscheinen der Zeitschrift vergeht nicht selten mehr als ein Jahr.

16. Für welche nicht-wissenschaftliche Thematik wärst Du als Blogger prädestiniert?

Ich könnte vielleicht etwas über Schauerromane (Bierce, Poe, Hoffmann, Lovecraft, …) schreiben. Die Kunst des Exploitationfilms finde ich auch sehens- und berichtenswert. Darüber hinaus könnte ich mich über Kasimir Malewitsch oder Kurt Schwitters Merz-Idee auslassen.

17. Worüber werden wir niemals in Deinem Blog lesen?

Themen abseits meiner beruflichen Interessen erachte ich als nicht für mein Blog geeignet.

Vielen Dank für Deine Antworten.

Zum Blog von Bernd geht es hier lang:
Zahlen|Gesellschaft   

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